Begriffe und Methoden

Tibetische Medizin

Die Tibetische Medizin ist ein traditionelles Medizinsystem, das Gesundheit und Krankheit im Zusammenhang mit dem Gleichgewicht der Körpersäfte, der Lebensweise, der Ernährung und geistigen Faktoren betrachtet.

Die Tibetische Medizin beruht auf einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Als grundlegende Ursache von Krankheit gilt in ihrem philosophischen Konzept eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit. Unwissenheit, Ignoranz und Verblendung führen demnach dazu, dass der Mensch an seinem persönlichen Ego festhält. Daraus entstehen die drei sogenannten Geistesgifte: Anhaftung oder Begierde, Hass oder Zorn und Verblendung beziehungsweise Unwissenheit.

Diese gelten als langfristige Ursachen von Krankheit. Als kurzfristige Ursachen werden die drei Körpersäfte, die sogenannten Nyes-pa, betrachtet: Wind (Lhung), Galle (Tripa) und Schleim (Bad ken). Nach der Tibetischen Medizin stehen sie mit den drei Geistesgiften in Verbindung: Anhaftung wird dem Wind, Hass der Galle und Verblendung dem Schleim zugeordnet.

Die drei Körpersäfte beeinflussen dem traditionellen Verständnis zufolge die lebenswichtigen Körperfunktionen, die Organe, die sieben Grundgewebe und die drei Ausscheidungen. Gesundheit besteht, wenn diese Bereiche im Gleichgewicht sind; ein Ungleichgewicht wird als Ursache von Krankheit verstanden.

Als die vier Faktoren, die dieses Gleichgewicht beeinträchtigen können, gelten eine ungeeignete Ernährung, ungünstige körperliche, seelische und geistige Verhaltensweisen, ein belastendes klimatisches oder soziales Umfeld sowie der Einfluss schädlicher Energien. Da die einzelnen Faktoren miteinander verbunden sind, können Störungen in einem Bereich Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben. Auch die fünf Elemente, aus denen nach diesem Verständnis die äußere Welt besteht und die durch die Nahrung zu inneren Elementen werden, spielen dabei eine Rolle.

Die Tibetische Medizin verfolgt einen integrativen Ansatz, bei dem körperliche, psychische und psychosomatische Aspekte gemeinsam betrachtet werden. Jede Krankheit kann integrativ behandelt werden. Psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungen werden dabei nicht als Gegensätze verstanden, sondern können im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts miteinander verbunden werden. Eine Hemmnis kann nur mangelnde Erfahrung des Arztes/ der Ärztin sein.

Methoden und Anwendung

Die tibetische Diagnostik stützt sich traditionell auf die fünf Sinne. Zu den wesentlichen Verfahren gehören Befragung, Betrachtung und Abtastung.

Befragung: Dabei werden die Krankheitsgeschichte, der Verlauf der Beschwerden und die aktuelle Befindlichkeit erfasst.

Betrachtung: Die körperliche Untersuchung umfasst unter anderem die Beurteilung von Urin, Zunge und Augen. Bei der Urindiagnose werden Farbe, Geruch, Blasenbildung, Geräusche und Sedimentbildung berücksichtigt. Die Zungendiagnose beurteilt unter anderem Belag, Farbe, Dicke und Glanz. Bei der Augendiagnose werden Farbe, Form und Glanz betrachtet.

Abtastung: Haut und Haare werden hinsichtlich ihrer Beschaffenheit untersucht. Eine besondere Bedeutung hat die Pulsdiagnose. Dabei werden charakteristische Pulsmerkmale den drei Körpersäften und den Körperenergien zugeordnet. Die Pulsströme werden zunächst nach Hitze- und Kältemustern unterschieden. Zwölf grundlegende Pulse beziehungsweise Pulskombinationen gelten als wesentliche Bestandteile der Ausbildung; insgesamt werden 43 gebräuchliche Pulse und zahlreiche unterschiedliche Störungsmuster beschrieben. Bei Kleinkindern kann die Diagnose auch anhand der Ohrvenen erfolgen.

Die Therapie der Tibetischen Medizin beruht auf vier grundlegenden Ansätzen: Ernährung, Verhaltensmodifikation, Arzneimittel und physikalische Therapie.

1. Ernährung

Die Ernährung soll dazu beitragen, das körpereigene Gleichgewicht zu erhalten oder wiederherzustellen. Bei der Auswahl der Nahrung werden ihre Eigenschaften und die Zuordnung zu den fünf Elementen berücksichtigt. Weitere wichtige Faktoren sind die individuelle Grundkonstitution, die verzehrte Menge und die jeweilige Jahreszeit.

2. Verhaltensmodifikation

Ziel ist eine ausgeglichene geistige, emotionale und körperliche Lebensweise, die von Achtsamkeit geprägt ist.

3. Arzneimittel

In der Tibetischen Medizin werden traditionell Arzneimittel aus natürlichen Ausgangsstoffen verwendet. Dazu zählen Mineralien, Edelsteine, Pflanzen, Kräuter, Wurzeln und Früchte sowie entsprechend aufbereitete Metalle, insbesondere aus dem Himalaya-Gebiet. Verschiedene Bestandteile werden zu komplexen Rezepturen kombiniert.

Die Zubereitungen können unterschiedliche Darreichungsformen aufweisen, darunter Pillen, Pulver, Brühen, medizinische Butter, Aschen und Extrakte.

4. Physikalische Therapie

Die physikalischen Verfahren werden in sanftere und intensivere Techniken unterteilt.

Sanftere Techniken:

  • Heiße und kalte Kompressen
  • Bäder in mineralhaltigen Quellen und medizinische Bäder
  • Tibetische Massagen, darunter Ölmassage (Ku mgie), Steinmassage (Do chiuk), Bambusmassage (Mguk chiuk) und Muschelmassage (Mgia chip chiukpa)
  • Akupressur mit warmer Butter zur Lösung von Blockaden
  • Hor-me-Therapie mit Kräutermischungen und warmem Öl, insbesondere zur Behandlung seelischer Blockaden

Intensivere Techniken:

  • Ableitende Verfahren: beispielsweise Aderlass
  • Moxibustion: Erhitzung bestimmter Körperstellen mithilfe von Beifußkapseln; beschrieben wird die Anwendung an 71 Körperstellen, insbesondere bei psychosomatischen und psychovegetativen Störungen
  • Tibetische Akupunktur: Goldnadeltherapie, die als eingreifende Methode bei schwerwiegenden Störungen beschrieben wird. Dabei werden lange Nadeln von etwa 7 bis 10 cm verwendet, insbesondere im Bereich der Fontanelle
  • Schröpfen: Anwendung von Schröpfköpfen aus Kupfer, Horn oder Kristallglas
  • Kauterisation: Behandlung mit Brenneisen, etwa 20 cm langen Metallstäben mit Gold-, Silber- oder Metallspitze, die bei Tumoren oder schwer heilbaren Erkrankungen eingesetzt wurde beziehungsweise wird.